Ein Interview mit Julia Zejn über das Zeichnen und ihre Graphic Novel „Drei Wege“

Julia Zejn ist freiberufliche Comiczeichnerin und Illustratorin aus Leipzig. Die Graphic Novel „Drei Wege“, ihr Debüt, erschien 2018. Drei Jahre später folgte mit „Andere Umstände“ ihre zweite Graphic Novel. In diesem Interview berichtet sie über ihr kreatives Schaffen und den Entstehungsprozess von „Drei Wege“. Am Ende verrät sie außerdem, welche Graphic Novel mensch unbedingt gelesen haben sollte!


Wie sind Sie denn eigentlich zum Comiczeichnen gekommen? Was bereitet Ihnen daran am meisten Freude?

Julia Zejn: Es ist wahrscheinlich die Standardantwort, aber ich habe als Kind schon viel gezeichnet, ohne dass mir bewusst war, warum. Später war das Zeichnen dann ein Mittel, um Ideen auszudrücken und Geschichten zu erzählen. Im Studium habe ich das zuerst in Form von Animationsfilmen umgesetzt und bin dann zum Comiczeichnen gewechselt.

Woher holen Sie sich die Inspiration für Ihre Zeichnungen?

Julia Zejn: Ich schaue sehr viele Filme und Serien und lese Comics und Romane. Und ich versuche, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, die Dinge zu beobachten und Situationen aufzuschnappen.

Gibt es Themen, die sich durch all Ihre Werke ziehen? Und andere, denen Sie sich in Zukunft noch gerne widmen würden?

Julia Zejn: Emanzipation in verschiedenen Bereichen, sei es als Frau, von der Familie, von der Schicht, in der man aufwächst, und von gesellschaftlichen Normen.


Julia Zejns Debüt „Drei Wege“

„Drei Wege“ erzählt die Geschichten von drei jungen Frauen: Ida, die 1918 in Berlin lebt, in einer Zeit, in der das Ende des 1. WKs naht. Marlies, die aus der Arbeiterklasse kommt und 1968 einen Literaturstudenten kennenlernt, der im sozialistischen deutschen Studentenbund tätig ist. Und Selin, die 2018 nach dem Abitur nicht so richtig weiß, was sie eigentlich will … Ihre drei Geschichten spielen sich also in einem Abstand von 50 Jahren ab – dennoch sind sie letztendlich miteinander verbunden.
Welche Geschichte war denn zuerst da?

Julia Zejn: Ich bin chronologisch vorgegangen und habe Idas Geschichte zuerst geschrieben.

Wussten Sie von Anfang an, wie die Leben der drei Frauen miteinander verknüpft sein werden, oder hat sich das erst später ergeben?

Julia Zejn: Das hat sich später ergeben. Zuerst wollte ich alle Geschichten komplett unabhängig voneinander erzählen, aber dann habe ich mir beim Schreiben und Zeichnen kleine Verbindungen einfallen lassen, die man als Leser*in entdecken kann, aber nicht zwangsläufig muss.

Fühlen Sie sich mit einer der drei Frauen besonders verbunden? Wie viel von Ihnen selbst steckt in Ihren Figuren?

Julia Zejn: In allen drei Frauen steckt auch etwas von mir, das passiert wahrscheinlich automatisch. Aber mit Marlies kann ich mich am besten identifizieren.

Den Arbeitsprozess von „Drei Wege“ stelle ich mir sehr komplex vor. Wie sind Sie da genau vorgegangen? Gewisse Abschnitte werden ja aus der Perspektive von jeweils einer der drei jungen Frauen geschildert, bei anderen wiederum wechselt die Perspektive von Panel zu Panel (z. B. S. 68-71). Das erfordert doch eine Menge an Planung im Voraus?

Julia Zejn: Ich habe zuerst alle Geschichten unabhängig voneinander geschrieben und mich auf die jeweilige Zeit konzentriert und dann die Szenen zusammengepuzzelt. Das war schon sehr viel Planung, weil die Perspektivwechsel ja auch interessante Übergänge haben sollten. Die Montage der drei Zeiten kam später erst spontan als Idee hinzu.

Welcher Arbeitsschritt hat Ihnen beim Zeichnen von „Drei Wege“ am meisten Spaß bereitet – und welcher war am herausforderndsten?

Julia Zejn: Mir hat die Recherche viel Spaß gemacht (in Museen gehen, Bücher lesen und Dokus schauen) und daraus die Charaktere zu entwickeln. Die 2018-Geschichte zu schreiben, fand ich sehr herausfordernd, weil es im Rückblick einfacher ist, auf eine bestimmte Zeit zu schauen, als selbst drinzustecken.


Ihre zweite Graphic Novel, „Andere Umstände“, erzählt die Geschichte von Anja, einer jungen Frau, die ungeplant schwanger wird. Ein Thema, das Fingerspitzengefühl verlangt, – haben Sie im Vorfeld gezögert, sich dieser Thematik zu widmen?

Julia Zejn: Eigentlich überhaupt nicht. Als das Buch dann rauskam und mich viele Leute gefragt haben, kam erst der Moment, in dem ich gemerkt habe, dass das Thema sehr sensibel ist und ich mir auch Feinde damit mache.


Zum Abschluss würde ich mich noch sehr über eine Graphic-Novel-Empfehlung freuen – welche Graphic Novel würden Sie mir und meinen Leser*innen ans Herz legen?

Julia Zejn: Parallel von Matthias Lehmann.


Wenn du jetzt neugierig geworden bist auf „Drei Wege“, dann gelangst du hier zur Verlagsseite zum Buch!

Und hier gelangst du zum Buchtipp „Parallel“.


© Beitragsbild: Bastian Rottinghaus

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