{Rezension} Traumtänzerin von Alicia Zett

Worum geht’s?

Die 18jährige Charlie ist seit einer gefühlten Ewigkeit in ihre beste Freundin Mia verliebt. Ein typischer straight girl crush, denn Mia selbst hat schon lange ihren Traumtyp im Auge und schmachtet diesen auch dementsprechend aus der Ferne an – bei Charlie ist das nicht ganz so einfach… Sie hadert also sehr mit sich selbst und ihren Gefühlen, weiß gar nicht mehr, wo ihr der Kopf steht, vor allem dann, wenn Mia etwas zu ihr sagt, das sich auch auf eine ganz andere, nicht mehr nur freundschaftliche Art und Weise interpretieren ließe. Und bei all dem Gefühlstrubel ist da noch jemand anderes, der versucht, Charlies Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.


Alicia Zimmermann aka Alicia Zett habe ich irgendwann per Zufall auf YouTube entdeckt – seitdem schaue ich ihre Videos regelmäßig und gern. Sie beschäftigt sich vor allem mit LGBTQ* Themen, die im deutschen YouTube-Raum ja noch viel zu selten angesprochen werden. Daher war ich super begeistert, als ich erfuhr, dass sie an einem Buch schreiben würde mit einer lesbischen Hauptperson und auch vorhabe, es zu veröffentlichen. Lange hat sie uns auf die Folter gespannt, am 6. August war es dann so weit und das Buch erschien im Selbstverlag bei BoD.

Durch Alicias Videos war ich einen recht kritischen und reflektierten Blickwinkel auf alle möglichen Themen gewohnt. Um so mehr überraschte es mich, dass ihr Buch vor alteingesessenen Klischees nur so strotzte:

  • Charlie als Protagonistin, die so gar nicht ins Schema des girly-Mädchens passt, die „sogar“ in der Männerabteilung shoppen geht, nicht unbedingt viel Wert auf ihre äußere Erscheinung legt und sich selten schminkt.
  • Die Tussi-Clique, die immer perfekt gestylt ist und Charlie aufgrund ihres Aussehens aufzieht, ja, sogar richtiggehend mobbt. Und das nicht schon seit kurzem, sondern schon eine ganze Zeit lang.
  • Luke, ihr schwuler bester Freund, der immer absolut theatralisch redet und ein Faible für’s Theaterspielen hat.
  • Mia, die sich in den hübschen Milan verguckt hat, das unscheinbare Mädchen, das aber doch irgendwie alle mögen.
  • Der gewaltbereite Vater, dem in der Vergangenheit schon die Hand ausgerutscht ist – und es wird trotz allem weiterhin einen auf Heile-Familie gespielt.

Du siehst, Alicia hat mit eingefleischten Rollenbildern nicht wirklich gespart. Zugute kommt dem Buch jedoch die Story rund um Charlies Vater, wodurch sie ein wichtiges Thema aufgreift, worüber ich bisher noch nie gelesen habe: häusliche Gewalt. Alicia webt die Geschichte ein wenig um diesen Begriff herum – im Verlauf der Geschichte nimmt Charlies Vater einen für den Plot wichtigen Part ein. Dazu aber mehr im Spoilerteil weiter unten!

Der in späterer Folge hinzukommende „ominöse“ Love Interest war leider nicht ganz so schwer zu erraten wie gedacht. Ich wusste bei diesem vierhundert Seiten starken Buch nach nur dreißig Seiten, worauf das ganze hinauslaufen würde – Charlie hat da um einiges länger gebraucht, um ihre Traumtänzerin zu entlarven. Für den Leser zumindest war also alles recht vorhersehbar.

Positiv hervorzuheben ist Alicias Schreibstil. Ich bin schier durch die Seiten geflogen, das Buch ließ sich wirklich sehr flüssig und leicht lesen. Die Kapitel haben eine angenehme Länge – „Okay, one more chapter!“ trifft’s hier ziemlich gut! Ich wollte nämlich eigentlich schon schlafen gehen und hab dann doch nochmal die Nachttischlampe angeknipst und ein bisschen weitergelesen. Ich mag auch Alicias philosophisch angehauchte Art zu schreiben sehr gern- manchmal geht das ganze ein bisschen in die zu gewollte Richtung, meist passt es aber gut zur Situation. Ob dir das zusagt, solltest du einfach mal durch die Leseprobe herausfinden.

Was mich gleich zu einem anderen Thema bringt: Schon in der Leseprobe war mir ein Groß- und Kleinschreibfehler aufgefallen. Ich hatte gehofft, das wäre ein Einzelfall. Dem war leider absolut nicht so. Der Fehlerteufel hat im gesamten Buch ordentlich gewütet. Es fehlen unzählige Beistriche, manche sind zu viel gesetzt, Wörter wurden zusammengeschrieben, die es nicht sein sollten, sogar klassische das/dass Fehler haben sich eingeschlichen. Von einem lektorierten und korrigierten Buch, das von mehr als nur einer Person testgelesen wurde, erwarte ich doch eine gewisse Qualität auf dieser Ebene – ich habe oft einfach nur mehr frustriert gestöhnt, weil ich mich diese Fehler so sehr gestört und aus meinem Lesefluss gebracht haben. (Ich war sogar echt kurz davor, mir einen Bleistift zu schnappen…) Ich hoffe, das Buch wird daraufhin gehend noch einmal überarbeitet.

Der Roman spielt in der Zeit vor und während Charlies Abitur. Ich fand es sehr erleichternd und menschlich, dass Charlie so ehrlich gesteht, dass sie absolut nicht weiß, was sie nach dem Abitur eigentlich machen möchte. Das hat mich ein bisschen an mich erinnert, weil ich mich in wenigen Monaten wohl genau in der selben Situation befinden werde wie sie.

Solltest du „Carol“ von Patricia Highsmith – erschienen in den 1950ern – noch nicht gelesen haben, dann würde ich dir raten, das vor „Traumtänzerin“ noch zu tun, falls du nicht komplett gespoilert werden möchtest. Dieses Buch nimmt Charlie nämlich immer wieder zur Hand und lässt uns an ihren Gedanken dazu teilhaben.

Jedem Kapitel wird eine kleine Zeichnung nachgestellt. Ist ein ganz netter Bonus, so wirklichen nötig für die Story sind sie aber nicht. Das Cover, das eine dieser Zeichnungen ein wenig „aufgepeppt“ darstellt, finde ich in seiner Schlichtheit sehr schön anzuschauen.


Fazit:

Du merkst schon, ich bin nur mäßig begeistert von Alicias Zetts Debütroman. Ich habe von diesem en masse positiv angeteaserten Buch einfach mehr erwartet. Zumindest erwarte ich als Leserin ein ordentliches Lektorat und Korrektorat! Ich finde es toll, dass Alicia sich diese Liebesgeschichte ausgedacht und aufs Blatt gebracht hat, aber sie hätte ein wenig mehr Überarbeitung und Zeit zum Reifen benötigt. Aktuell ist sie sowas wie ein ungeschliffener Rohdiamant. Potenzial wäre da, aber die wahre Schönheit kann sich einfach noch nicht entfalten.

Ich ordne das Buch in die Kategorie Geschmackssache ein und vergebe 2/5 Bücherbärlis.

2 Bücherbärlis

Mehr Infos zum Buch findest du hier!

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Wenn du auf der Suche nach einem Buch mit ähnlicher Thematik bist, dann kann ich dir „Leah on the Offbeat“ von Becky Albertalli ans Herz legen!


Hier nur draufklicken, wenn du gespoilert werden möchtest!

Ich habe dich gewarnt!

Wo fange ich am besten an? Das Mädchen, das Charlies Aufmerksamkeit erregen will, ist Viky. Mitglied der Tussi-Clique, die Charlie so sehr hasst, weil sie ihr tagtäglich das Leben schwer machen, weil sie sie vorführen und beleidigen. Binnen kürzester Zeit verliebt sich die jahrelang Mia-gepolte Charlie in Viky, das einst so verhasste Mädchen, das ihr plötzlich Nachhilfe in Mathe anbietet.
Es war schön einmal zu lesen, dass sich eine Verliebtheit einfach im Sand verlief. Mia würde sich nie im Leben in Charlie verlieben und deren Liebe erwidern – so etwas gibt es selten in Jugendbüchern. Umso verwunderlicher war es, dass Charlie doch tatsächlich, nachdem sie hunderte Seiten lang von Mia geschwärmt hat, Viky in so kurzer Zeit lieben lernen konnte. Das Mädchen, das ihr jahrelang die Hölle auf Erden durch herablassende Kommentare beschert hatte. Welcher Mensch mit wachem Verstand verliebt sich in (s)eine Mobberin? Und vor allem, welche Mobberin rechtfertigt diese schmerzhaften Wörter damit, dass sie einfach krampfhaft versuchen wollte, irgendwie Charlies Aufmerksamkeit zu erlangen? Ein gesunder Boden für eine Beziehung sieht anders aus. Vor allem, da Charlie hier und da noch Kommentare wiedergibt, die Viky ihr einst an den Kopf geworfen hatte und die die beiden nun aber als Schnee von gestern abtun. Aber man merkt dadurch ja trotzdem irgendwie, dass Viky Charlie sehr verletzt hat mit diesen harschen Worten und dass sie diese nicht so einfach vergessen kann.

Viky selbst fand ich aber – abgesehen vom Mobbingaspekt – super sympathisch. Vor allem auch dadurch, wie liebevoll sie sich um ihren autistischen Bruder gekümmert hat und wie selbstlos sie Charlie Nachhilfe anbietet, als sie merkt, dass da echt Not am Mann ist. Sie ist so jemand, der eigentlich gar nicht der Form entspricht, in die sie mit der Zeit und aufgrund ihres Freundeskreises hineingepresst wurde.

Charlies Vater hatte mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen, verlor sich im Alkohol und Agressionen. Diese bekam nicht nur Charlies Mutter, sondern auch Charlie selbst zu spüren. Das Erlebnis nimmt sie auch fünf Jahre später immer noch sehr mit. Sie fühlt sich ungeheuer unwohl in seiner Nähe, muss immer einen erneuten Wutausbruch befürchten. Viky bekommt einen solchen zu spüren, als er die beiden gemeinsam in einem Bett schlafend ertappt. Er zieht die falschen Schlüsse, zerrt sie aus dem Haus und schüchtert Viky durch Drohungen ein – seiner Tochter verbietet er anschließend den weiteren Umgang mit einem solchen „Flittchen“.

Was mich zu einem weiteren Kritikpunkt bringt. Viky hat von anderen Schülern ihrer Stufe den Spitznamen „Schneeflittchen“ verpasst bekommen. Nicht nur durch diesen Begriff ähneln sich „Traumtänzerin“ und „Den Mund voll ungesagter Dinge“ von Anne Freytag ein wenig – ein Buch, das Alicia selbst nahezu vergöttert…

Dieser Ausraster von Charlies Vater war der typische metaphorische letzte Stein, der den Weg zum Happy End versperren würde. Ich war fast schon genervt, weil Charlies Reaktion darauf wieder so konstruiert war, dass die ganze Geschichte eben noch mal um dreißig Seiten länger werden würde, damit die beiden irgendwie doch noch zueinanderfinden.


Das Buch hat definitiv Potenzial und Alicias Schreibstil mag ich insgesamt sehr gerne – aber hier wurde eindeutig nicht das beste herausgeholt. Der 6. August war auch Alicias Geburtstag, womöglich wurde – der Qualität zuleide – das Buch in Windeseile für eine Veröffentlich fertig gemacht…

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3 Kommentare zu „{Rezension} Traumtänzerin von Alicia Zett

  1. Liebe Lea,
    vielen Dank für diese ausführliche Rezension! Nach den wirklich vielen (leider oft nichtssagenden) 5-Sterne-Bewertungen auf Amazon war es wirklich erfrischend, auch mal eine kritische Rezension zu „Traumtänzerin“ zu lesen und mit meinen Gedanken nicht länger allein zu sein. Dabei geht es mir besonders um die Dinge, die du im Spoiler-Teil ansprichst. 😉 Ich selbst finde es gerade in solchen Fällen schwierig, eine komplett spoilerfreie Rezension zu schreiben – versucht habe ich es trotzdem. 😀
    Liebe Grüße,
    Hannah 🙂

    Gefällt 1 Person

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